„Die einzigen Grenzen der Freiheit sind jene, die du dir selbst auferlegst.“ Dieser Satz stand 2020 am Anfang dieses Beitrags. Direkt danach fragte ich: Ist das wirklich so?
Ich erlebe immer wieder, dass Menschen ihre inneren Grenzen überwinden möchten. Sie verändern etwas, gehen mutige Schritte, spüren erste Erfolge – und landen einige Zeit später trotzdem wieder in alten Mustern. Nicht weil ihr Wunsch nach Veränderung falsch war. Sondern weil ein neuer Weg mehr braucht als eine Entscheidung im Kopf.
Für mich gehört dazu, die Persönlichkeitsanteile mitzunehmen, die in einer früheren Zeit entstanden sind und noch immer auf ihre Weise versuchen, uns zu schützen. Einer dieser Anteile ist das innere Kind.
Warum wir in alte Grenzen zurückfallen
Veränderung kann sich zunächst leicht anfühlen. Du triffst eine Entscheidung, bist voller Energie und merkst: Es geht. Dann kommt eine Situation, die dich an etwas Altes erinnert – und plötzlich reagierst du wieder so, wie du es eigentlich hinter dir lassen wolltest.
Ich sehe darin nicht automatisch ein Scheitern. Für mich zeigt sich an solchen Stellen oft, dass ein Teil von uns noch nicht verstanden hat, dass heute andere Möglichkeiten existieren als damals.
Alte Muster können Sicherheit bedeuten, selbst wenn sie uns längst zu eng geworden sind. Das Bekannte ist vertraut. Das Neue verlangt, dass wir nicht nur anders denken, sondern uns innerlich erlauben, anders zu leben.
Persönlichkeitsanteile: Was in dir noch am Alten festhält
Ich arbeite mit der Vorstellung, dass wir verschiedene Persönlichkeitsanteile in uns tragen. Manche sind mutig, manche vorsichtig, manche wollen gesehen werden, manche möchten am liebsten verhindern, dass wir noch einmal verletzt werden.
Diese Anteile müssen für mich nicht bekämpft oder „wegoptimiert“ werden. Ich frage lieber: Was versucht dieser Teil gerade für mich zu tun? Und: Welche neue Erfahrung braucht er, damit er nicht länger dieselbe Grenze verteidigen muss?
Genau hier beginnt für mich echte Freiheit. Nicht dort, wo ich einen Teil von mir zurücklasse, sondern dort, wo ich mir selbst mehr Raum gebe und meine innere Welt in die Veränderung einbeziehe.
Das innere Kind mit in dein neues Leben nehmen
Das innere Kind ist für mich der kleine Junge oder das kleine Mädchen, das du einmal warst – mit seinen Erfahrungen, Bedürfnissen, Wünschen und Schlussfolgerungen über das Leben.
Dieses Kind möchte nicht nur geliebt werden. Es möchte erleben dürfen, dass heute mehr möglich ist als damals. Wenn du ein neues Leben erschaffen möchtest, dann nimm diesen Anteil mit. Zeig ihm nicht nur mit Worten, sondern durch deine heutigen Entscheidungen, dass du jetzt wählen kannst.
Du musst dabei nicht in der Vergangenheit stecken bleiben. Im Gegenteil: Die Verbindung mit deinem inneren Kind kann eine Brücke sein, damit Vergangenes nicht mehr unbemerkt die Richtung bestimmt.
Innere Grenzen überwinden: fünf Fragen für deinen nächsten Schritt
Wenn du bemerkst, dass du immer wieder an derselben Stelle zurückweichst, können diese Fragen dir helfen:
- Welche Grenze halte ich gerade für selbstverständlich?
- Wann habe ich begonnen zu glauben, dass diese Grenze nötig ist?
- Welcher Teil von mir fühlt sich sicherer, wenn alles so bleibt wie bisher?
- Was würde ich heute wählen, wenn ich nicht zuerst erklären müsste, warum es nicht geht?
- Welche kleine Erfahrung könnte mir zeigen, dass eine neue Möglichkeit wirklich tragfähig ist?
Es geht nicht darum, jede Grenze zu ignorieren. Reale Grenzen existieren. Aber es lohnt sich zu unterscheiden: Was ist heute tatsächlich gegeben – und was ist eine alte innere Begrenzung, die ich immer noch wie eine unumstößliche Wahrheit behandle?
Wenn du diesen Gedanken weiter vertiefen möchtest, passt dazu mein Beitrag „In Möglichkeiten denken: Grenzen im Kopf überwinden“.
Was von der Wintersonnenwende und den Rauhnächten geblieben ist
Die ursprüngliche Fassung dieses Beitrags entstand am 22. Dezember 2020, direkt nach der Wintersonnenwende und zu Beginn meiner damaligen Rauhnachtsarbeit.
Wir hatten in einer Meditation Kontakt mit dem inneren Kind aufgenommen und in einem kleinen Feuerritual Altes verabschiedet. Der damalige zeitgebundene Online-Kurs gehört nicht mehr in einen heutigen Evergreen-Artikel. Der Kern dieses Moments ist für mich aber geblieben: Altes bewusst würdigen, loslassen und Platz für Neues schaffen.
Wenn dich diese Zeit zwischen den Jahren besonders ruft, findest du heute im Beitrag „Magische Rauhnächte: Bedeutung, Rituale und 12 Nächte“ die ausführlichere Begleitung.
Freiheit beginnt dort, wo du wieder wählen kannst
Freiheit bedeutet für mich nicht, niemals Angst zu haben und nie wieder in ein altes Muster zu fallen. Freiheit bedeutet, dass ich bemerke, wenn ich mich wieder kleiner mache – und dass ich neu wählen kann.
Vielleicht musst du nicht gegen deine Grenzen kämpfen. Vielleicht darfst du herausfinden, wer in dir noch glaubt, sie zu brauchen.
Frage für heute: Welche Grenze würdest du heute anders betrachten, wenn du wüsstest, dass du keinen Teil von dir zurücklassen musst, um weiterzugehen?